Schäfer-Geschichten

Wolfgang Grimme

Die erste Sommerhitze brennt auf die hügelige, strukturreiche Landschaft südlich von Rostock. Der Wanderschäfer von Gut Wardow hält sich momentan mit seiner Herde aus Pommern-, Texel- und Suffolkschafen mitten im Nirgendwo auf. Noch nicht mal der Lärm der nächsten Bundesstraße ist zu hören. Nur das Widerkäuen der Tiere. Was eine sehr beruhigende Wirkung hat.

Auf dem Pickup liegt ein 500 Liter Faß, vollgefüllt mit Trinkwasser für die Schafe. Zwei- bis dreimal pro Tag brauchen die Tiere im Sommer Nachschub, je nachdem wieviel Tau am Morgen auf der Weide lag. Eine natürliche Wasserquelle ist weit und breit nicht zu finden. Und die Sonne brennt.
Der 24-jährige Marc, gelernter Landmaschinen-Mechatroniker, hat sich vor 2 Jahren beruflich umorientiert und kümmert sich nun auf Gut Wardow um Wolfgang Grimme´s Schaf- und Büffelherde. Gleich beim ersten Probearbeiten hat man gemerkt, dass er ein Händchen für diese Tiere hat. „Vor Büffeln darf man keine Angst haben, denn dann fühlen sie sich überlegen. Und wenn ein Büffel denkt, er muss dir zeigen, wer der Chef ist, ist das alles andere als lustig.“

Dass er ein besonderes Verhältnis zu seinen Tieren hat, merkt man sofort. Kaum bewegt er sich in die Schafherde kommen auch schon die ersten zum Schmusen. Sie drücken sich regelrecht in seine Beine rein, drehen die Köpfe, um auch an den ganz besonderen Stellen gekrault zu werden und rücken ihm nicht mehr von der Seite. Seine Lieblingsschafe – „Eumel“ und „Mini-Marco“ – sind zwei Böcke, die ganzjährig mit der Herde mitlaufen.

Die Schafe haben Flächen von insgesamt 80 Hektar zur Verfügung, die über das ganze Jahr verteilt von ihnen beweidet werden. Das sind nicht nur Flächen, die zum Bioland-Betrieb Gut Wardow gehören, sondern auch von Nachbarn, die ökologische Flächen zur Verfügung stellen und dankbar für die natürliche Pflege des Bodens durch die Schafe sind. Marc wandert mit den Tieren von Weide zu Weide. Sie bleiben solange es Futter gibt und dann ziehen sie weiter.

Ein Tagesablauf

Die Alltags-Routine ist bestimmt durch die Tiere. Wenn sie morgens mit Wasser versorgt werden, wird auch kontrolliert, ob irgendeines schief kuckt und Hilfe braucht. Meistens ist das nicht der Fall, aber diese Betreuung taktet an 365 Tagen rund um die Uhr den Alltag von Marc. Vormittags kümmert er sich um die Schafe, mittags hilft er auf dem Hof mit und nachmittags widmet er sich den Büffeln. Da ist so ein Arbeitstag schnell ordentlich gefüllt. Und wenn irgendein menschliches Wesen ein Schlaggerät oder Zaun mitnimmt und die Tiere dann rumgeistern, dann hat der Schäfer noch mehr Arbeit, weil er erst mal die Tiere einsammeln und neue Geräte besorgen muss.

„Ich – Wolfgang Grimme – stehe immer am Wochenende in der Bütt, damit die Jungs frei haben. Und natürlich macht man sowas auch, weil gerade die Arbeit mit den Tieren eine unheimlich befriedigende Arbeit ist. Die geben einem furchtbar viel zurück. Die nerven einen auch, weil sie nicht steuerbar sind, weil sie einen eigenen Kopf haben. Aber das ist ja gerade das Schöne. Und deshalb haben wir uns bewusst entschieden, nicht auf dem Trecker zu sitzen mit dem Pflug dahinter und GPS-gesteuert unsere Bahnen zu ziehen, sondern wir finden es einfach spannend, mit lebenden Wesen zu arbeiten, die uns ernähren und die wir wertschätzend behandeln.“

Warum Gut Wardow?

Wolfgang Grimme – Inhaber und Geschäftsführer der Gut Wardow KG – stammt ursprünglich aus Holstein – westlich von Hamburg. Vor elf Jahren hat er sich das Gutshaus Projekt vorgenommen und einen großen Park mit einem alten Haus darauf gekauft. „Was man so tut als Mensch aus Hamburg.“, sagt er lachend. Dann ergab sich die Chance, landwirtschaftliche Flächen zu sehr guten Konditionen zu erwerben. Und er hat sich entschieden, selbst Leben auf diese Flächen zu bringen, anstatt nur Verpächter zu sein.

Gut Wardow betreibt seit 2012 ganzjährige Weidehaltung. Das heißt, die Tiere halten sich alle ganzjährig draußen auf. Das Haus haben sie ja am Mann. Begonnen haben sie mit der Haltung von Hühnern der Rasse „Les Bleus“ – in Frankreich Bresse-Hühner genannt – in Mobilställen. Danach kamen die Schafe dazu, denn zu Gut Wardow gehören auch Flächen, die nur von Schafen optimal beweidet und gepflegt werden können. Sie haben sich ganz bewusst für die rauwolligen Pommern entschieden, weil sie was Ursprüngliches, was nach Pommern und Mecklenburg gehört, halten wollten. Da es aber auch feuchte Flächen gibt, auf denen die Schafe gelitten haben – denn dort gibt es Bakterien, die die Schafe schädigen – wurden noch die Wasserbüffel dazugeholt. Sie sind dafür prädestiniert.

Wolfgang Grimme, Gut Wardow

„Ein Motiv war auch die klassische Projektierung, die hier bei uns im Dorf stattfinden sollte. Nämlich der in Mecklenburg nicht seltene 30.000 Tiere-Maststall für irgendwelche armen Kreaturen, die wir dann als Chicken McNuggets bei McDonald’s angeboten bekommen. Uns war wichtig zu zeigen, dass es auch anders gehen kann und muss, weil das ist ja keine nachhaltige und vernünftige Konzeption.“

Der große Wunsch

Wolfgang Grimme möchte Produkte anbieten, die neben dem ökologischen und regionalen Aspekt einem hohen Qualitätsstandard entsprechen. Neben der Schafwolle betrifft das bei ihm auch die Fleisch-Vermarktung. Er wünscht sich keine weiteren Mutterschaf-Prämien vom Land, sondern eher eine gewisse Beweglichkeit und Flexibilität in den Vorschriften, damit zum Beispiel auch wieder in kleineren Gruppen geschlachtet werden kann. Denn im Moment muss er seine Tiere Gott weiß wohin fahren, um schlachten zu können. Die Schlachthöfe sind alle industrialisiert. Die brauchen eine große Menge. Und so furchtbar viele Schafe gibt es nicht mehr. Der letzte große Schlachthof in der Umgebung hat die Schafschlachtung eingestellt. Es gibt zwar ein paar kleine handwerkliche Betriebe, die aber zu weit weg sind. All das führt dazu, dass die Tiere zur Schlachtung bis nach Husum oder Boizenburg gefahren werden.

„Wenn das, was wir tun, nur funktioniert, weil Vater Staat uns Geld gibt, dann sollten wir eher darüber nachdenken, Produkte zu erzeugen, die einen Wert haben und den Kunden zu überzeugen, dass er den Euro dafür geben muss, damit alle Beteiligten der Wertschöpfungskette davon auch leben können.“

Pommernschaf