Schäfer-Geschichten

Detlef Mohr

Auf dem ehemaligen Grenzstreifen am Schaalsee – dem sogenannten Todesstreifen – findet man heute Schafe statt Minen. Das grüne Band, auf dem früher Ost- von Westdeutschland getrennt wurde, zieht sich durch das ganze Land. Bis heute ist es fast komplett unbebaut. Damit die Landschaft nicht verbuscht, wird sie von Schafherden beweidet. Unter anderem von Herden unseres Schäfers Detlef Mohr.

Er ist auf der Westseite des Schaalsees – konkret in Ratzeburg – aufgewachsen. Die Hälfte des Sees gehörte schon vor der Grenzöffnung zum Naturpark Lauenburgische Seen, wie viele weitere, kleinere Seen. Als sich die Grenze dann öffnete, reizte es Detlef sehr, sich auch auf der Ostseite des Schaalsees umzusehen. Irgendwann wurde es interessant, sich dort nach einem Hof umzuschauen. So ist er 1995 zu seinem jetzigen Zuhause, einem wunderbar idyllischen Plätzchen, gekommen und mit seiner damals etwa 600-köpfigen Herde von Schleswig-Holstein nach Mecklenburg Vorpommern übergesiedelt.

Seine Laufbahn als Schäfer hat er bei einer Naturschutz-Stiftung gestartet. Diese wollte unbedingt eine Heidschnucken-Herde haben, die er dann aufgebaut hat. Aus diesem Projekt heraus entstand irgendwann Detlef´s Selbständigkeit und der Wunsch, sich endlich eine eigene Herde Pommernschafe zuzulegen. Allerdings lag das pommersche Landschaf in weiter Ferne für westdeutsche Schäfer, da es eine ostdeutsche Rasse war. Nur wenige Schäfer im Westen hatten sich aus der DDR Zuchttiere geholt. Auch er ist – als die Grenze noch geschlossen war – tatsächlich einmal nach Rügen gefahren und hat sich dort Restbestände angeschaut. Und hat dann immer mehr für diese so seltene, besondere Rasse gebrannt.

Detlef ist sehr der Natur und demzufolge dem Naturschutz verbunden und fand das pommersche Landschaf mit dieser grauen Wolle besonders ursprünglich. Auch gefiel ihm, dass es eine wirklich alte, robuste und hübsch anzusehende Rasse ist. Am Ende hat er sich keine Tiere aus der DDR geholt, sondern hat in Westdeutschland einige Schäfer abgeklappert, die sich schon kleine Bestände des Pommernschafes aufgebaut hatten. So blieb seine Liebe für diese Rasse nicht theoretischer Natur, sondern es wuchs ab diesem Zeitpunkt langsam eine kleine Herde auf seinem Hof heran. Die besondere Färbung seiner Pommernschafe verdankt er einem Bock der Jakobsschafe, den er seinen Mutterschafen einmal vorgestellt hat.

Vor etwa 25 Jahren initiierte die GEH – die Gesellschaft zur Erhaltung alter Haustierrassen – das Arche Hof Projekt. Das Ziel des Projektes ist es, die über 100 Rassen auf der „Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen“ in der landwirtschaftlichen Produktion zu halten, ihr Leistungspotential und ihre besonderen Eigenschaften gezielt zu nutzen und so deren langfristige Erhaltung zu gewährleisten. Detlef trat in die GEH ein, wurde ein Arche Hof und seine Herde wurde vielfältig mit Rassen der roten Liste erweitert. Dazu kamen unter anderem Coburger Fuchsschafe und aus der grauen Heidschnucken-Herde wurde eine weiße Heidschnucken-Herde.

Irgendwann drückte aber auch bei ihm in finanzieller Hinsicht der Schuh. Denn wenn man nur mit Landschaf-Rassen wirtschaftet, ist der Ertrag wesentlich geringer als mit Wirtschaftsrassen. Deswegen kamen parallel auch einige Fleischschafrassen in seine Herde.

Detlef Mohr, Schäfer

„Zu meinem Beruf bin ich durch eine kindliche Leidenschaft für das Tier gekommen. Ich galt in der Familie mit sechs Kindern immer als der Tierfreund. An meiner Zimmertür stand „Hier wohnt Detlef, der Tierfreund“. Ich hatte Kaninchen, eine kleine Mäusezucht, eine zahme Dohle.

Irgendwann, bevor ich mein Elternhaus verließ, hatte ich mein erstes Schaf im Garten meiner Eltern, weil ich immer den Rasen mähen musste.“

Der Schäfer-Alltag

Detlef teilt seine Schafe in zehn bis zwölf Herden auf, sodass er diverse Standorte gleichzeitig beweiden kann. Die tägliche Aufgabe besteht vorrangig darin, alle Herden zu kontrollieren. Auch die gesundheitliche Betreuung der Tiere, wie das Klauen schneiden oder das Verabreichen von Wurmkuren, gehört zum Schäfer-Sein dazu. Diese Arbeit teilt er sich mit seinem Mitarbeiter.

Als Betriebsleiter seiner Schäferei kümmert er sich um den Woll- und Fleischverkauf und den Kontakt zu den Behörden, mit denen man als Schäfer so zu tun hat. Als Schäfer, der wandernde Herden betreibt, pflegt er den Kontakt mit den Landwirten in der Region. Den ganzen Winter über ist er nämlich auf fremden Flächen unterwegs und dies muss mit den Landwirten abgesprochen und geplant werden. Die Fremdflächen bekommt die Schäferei zur Verfügung gestellt, im besten Falle ist es eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Die Schafe weiden im Winter noch überständiges Gras von den Feldern, was für das Wachstum des Grases im Frühjahr von Vorteil ist. Auch werden Zwischenfrucht-Pflanzen abgeweidet. Da kann sich der Landwirt das Mulchen sparen.

Im Sommer halten sich seine Herden zu über 90 Prozent auf Naturschutzflächen auf. Immer in Absprache mit den entsprechenden Naturschutz-Organisationen/-Institutionen. Mit diesen hat man feste Pachtverträge, wofür man auch eine kleine Pacht bezahlen muss. Da es aber naturschutzbedingt Einschränkungen in der Bewirtschaftung der Flächen gibt, gibt es für diese extensive Form der Beweidung Fördermittel, sodass man durchaus auch über solche Flächen finanzielle Gewinne einfährt.

Die Herausforderungen

Flächenbedingte Herausforderungen stellen die extrem trockenen, sandigen Flächen, auf denen eigentlich kein Futter wächst, was die Tiere satt macht, dar. Trotzdem wünscht der Naturschutz dort eine Beweidung, weil diese Flächen sonst meistens mit Birken überwachsen werden. Die Schafe sollen dem vorbeugen. Das ist eine echte Herausforderung, denn auf solchen Flächen gibt es keinen Nutzen für die Tiere, aber einen positiven Effekt für die Natur – aus Sicht des Naturschutzes.
Auch die ganz nassen Flächen, wie zum Beispiel eine Orchideenwiese, die Detlef mit seinen Schafen beweidet, sind nicht unproblematisch. Diese darf erst ab Mitte/Ende August betreten werden und dann ist die Fläche voll mit überständigem Gras und Jungwuchs von Bäumen, die verbissen werden sollen. Da muss man die Schafe schon ein bisschen dazu zwingen. Zu diesem Zeitpunkt im Jahr gäbe es viel bessere Flächen, auf denen die Schafe dick und rund werden würden. Zufüttern ist auf Naturschutzflächen verboten, da die Schafe möglichst die Biomasse fressen sollen, die sie vorfinden. Allerdings stellen solche Standorte eine Ausnahme dar, dort ist er nur eine begrenzte Zeit und macht dann eben den Job für den Naturschutz. Eine Gratwanderung zwischen Tierwohl und Naturschutz.

Weitere Herausforderungen sind natürlich das Wetter. Wenn der Schäfer an das extrem trockene Jahr 2018 zurückdenkt, erinnert er sich an die Sorgen, die er hatte, weil er wirklich nicht mehr wusste, wo er die Schafe satt kriegen konnte. Auch extrem nasse Winter sind kein Spaß. Die Schafe sind ganzjährig draußen und Kälte macht den Tieren überhaupt nichts. Aber ständige Nässe und aufgeweichte Flächen sind ein Greuel.

„Es macht zwar Spaß und ich will auch gar nicht viel jammern, aber man ist doch ganz schön am Rödeln. Und einfach auch mal eine Stunde über die Schafe hinweggucken und die Seele baumeln lassen, das kommt zu kurz.“

Schafherde