Schäfer-Geschichten

Gunda Jung

Vor den Toren von Schwedt erstreckt sich das untere Odertal. Hier bietet sich dem Auge eine Weite, die heutzutage selten zu finden ist. Die Stille der Landschaft ist beeindruckend. Das ist das Zuhause von Gunda Jung. Schäferin seit 26 Jahren.

Eigentlich war sie ein richtiges Stadtkind. Vor ihrer Ausbildung hatte Gunda überhaupt keinen Kontakt zu Schafen. Zuhause hielt die Familie maximal ein paar Hühner und Kaninchen. Allerdings war ihr schon früh klar, dass sie keinen Beruf erlernen wollte, bei dem sie den ganzen Tag eingesperrt wäre. Sie musste draußen sein! Da bot sich das Schäfer-Dasein natürlich wunderbar an. Und als sie das erste Mal im Stall stand, wusste sie: „Ja, das ist es! Und hier bleibe ich!“

Dass sie 1983 gleich einen Ausbildungsplatz bekommen hatte, war pures Glück, denn das war damals als Mädchen nicht so selbstverständlich. Vorallem nicht, wenn man nicht besonders groß war. Alle sagten, das wäre nichts für sie. Ist es aber doch!
Und mittlerweile ist ihr Leben mehr als voll mit Schafen. Denn neben ihrer Anstellung in einer Schäferei hält sie seit 1991 auch privat noch eine eigene Herde. Das bedeutet, dass sie täglich eine kleine Schicht an ihren üblichen Arbeitstag anhängt, um ihre eigenen Schafen zu versorgen. Im Winter und Frühjahr ist das noch relativ entspannt, denn die Schafe stehen dann auf der Weide hinter Gunda´s Wohnhaus. Sie bringt ihnen einmal pro Tag einen Ballen Silage und Heu, stellt ihnen Wasser rein und sieht nach dem Rechten. Sobald das Gras hoch genug gewachsen ist, bringt sie ihre Herde wieder raus auf den Deich.

Gunda Jung

„Ich liebe vorallem den Umgang mit den Tieren. Sie warten immer auf mich. Sie freuen sich, wenn ich komme. Und ich bin immer draußen. Ich bin frei. Ich kann mir die Arbeit einteilen, wie ich will. Ich habe keinen, der ständig neben mir steht. Det isses halt.“

Warum Pommernschafe?

In der Meisterschule ist Gunda das erste Pommernschaf begegnet und sie hat sich Hals über Kopf in diese Rasse verliebt. Als sie 1989 anfing Wolle zu verspinnen, war ihr großer Wunsch, dies mit Wolle vom Grauwolligen Pommerschen Landschaf zu tun. So ging sie auf die Suche nach einem eigenen Pommernschaf.

„Mein erstes Pommernschaf, was ich gesehen habe, war seinerzeit eine Mittelgraue. Ich kannte die Rasse nicht, mir konnte auch niemand etwas dazu sagen, außer dass sie sehr selten und auf Rügen beheimatet sind. Und als ich dann nach mehr als zwei Jahren endlich ein Pommernschaf ersteigern konnte, war es eine Schwarze, die irgendwann silbergrau wurde. Sie hatte nicht diesen mittelgrauen Farbton. Also habe ich dann halt mit der Zucht angefangen, zumal ich auch ein schlechtes Gewissen hatte. Ich wollte eigentlich nur einen Hammel haben, der mir graue Wolle bringt, damit ich spinnen kann. Damals konnte ich aber nur ein 1b Tier ersteigern, weil alle anderen schon weg waren. Dieses haben sie mir übrig gelassen und es war mir eigentlich nur für die Wolle zu schade. Denn sie sind ja so selten und so wertvoll. Also habe ich mit der Zucht angefangen, was eigentlich nie mein Ding war. Eigentlich wollte ich das nicht.“

Auch heute noch versucht sie, sich ihr eigenes mittelgraues Schaf zu züchten. Aber von den restlichen kann sie sich trotzdem nicht trennen. Und obwohl sie soviel Wolle schon längst nicht mehr selbst verarbeiten kann, ist sie dankbar für die mittlerweile recht große Herde. Denn sie hat sich mit ihren Schafen der Landschaftspflege auf dem Deich verschrieben.

Von Schafen heißt es, sie haben den „goldenen Tritt“. Sie treten die Deiche fest, was mit einer maschinellen Pflege so nicht zu schaffen ist. Die Schafe ärgern damit die Wühlmäuse, weil sie ihnen ständig die Gänge zutreten. Dadurch haben die Wühlmäuse dann ein bisschen mehr Arbeit und irgendwann verkriechen sie sich und geben auf.
Auch wird die Grasnarbe durch den Verbiss angeregt, sich besser zu verzweigen, mehr Wurzelmasse zu bilden, damit sie wieder austreiben können. Dadurch werden die Deiche gefestigt.

Diese Pflege nehmen mittlerweile nicht nur die Pommernschafe vor, sondern auch ihre gekreuzten Tiere. Da sich die Pommernlämmer nicht wirklich gut vermarkten lassen, kreuzt sie die Mutterschafe, die schon jede Menge Töchter haben, seit vielen Jahren schon mit Fleischschafen.

Schafe in der Uckermark

Gunda wünscht sich, dass die Leistung die sie und ihre Schafe erbringen, in Zukunft besser vergütet wird. Der Marktwert eines Schafes errechnet sich mittlerweile nur noch am Verkauf der Wolle und der Lämmer. Aber die Schafe sind mehr als nur Lämmer und Wolle. Die Landschaft braucht die Schafe. Wir leben in einer Kulturlandschaft und viele Landschaften, wie zum Beispiel der Trockenrasen, die sind durch Schafe entstanden. Wenn immer mehr Schäfer aufgeben, weil die Lämmer und Wolle nicht vernünftig bezahlt wird und der Schäfer am Ende verhungert, verbuscht die Landschaft. Dann ist die Landschaft nicht mehr das, was wir heute als Kulturlandschaft sehen. Die Landschaft muss gepflegt werden, und zwar am besten traditionell, denn das funktioniert am besten.

„Ich habe mir die Pommern damals angeschafft, weil ich Wolle verarbeiten wollte.“

Pommernschaf